Museum-Prototyp

Blick in die Dauerausstellung, vorne in Bugatti-Blau ein „Ludewig F3“ Bj. 1948, rechts daneben der „Fetzenflieger“ von Otto Mathé Bj. 1952, dahinter der T1 VW-Transporter „Mathé Universal“ Bj. 1966 (© Automuseum Prototyp).

Wenn Leidenschaft im Spiel ist, kann so gut wie alles entstehen. Aus einer Faszination der Freunde Thomas König und Oliver Schmidtfür für luftgekühlte Volkswagen und vor allem für Porsche und einer über Jahre aufgebauten Sammlung, entstand die Idee für ein Automobilmuseum.

Ein kleines und feines Museum, das der Sammlung ein neues Zuhause geben sollte und in dem sich die eigene Begeisterung für Automobilität mit anderen teilen lässt. Ein Traum, der in Erfüllung ging. 2008 machten König und Schmidt mit ihrem Automobilmuseum „Prototyp“ am Ufer der Elbe in der Hamburger Hafencity fest, in einem denkmalgeschützten und behutsam sanierten Fabrikgebäude aus dem Jahr 1906. Ursprünglich errichtet für die New-York Hamburger Gummi-Waaren-Compagnie. Als Prototyp versteht sich das Museum gleich selbst, ein Prototyp in mehrfacher Hinsicht. Ein Museum, das anders sein will als das Gros der Automobilmuseen landauf, landab. „Prototyp“ steht für ein innovatives Ausstellungskonzept, das die Bedeutung von Personen-Kraft-Wagen (PKW) neu ausloten will.

 

Porsche 718 RS 60 Bj. 1960, hinten Herbie aus dem Walt-Disney-Film "Ein toller Käfer" 1968, Rekonstruktion mit Originalteilen.

Porsche 718 RS 60 Bj. 1960, hinten „Herbie“ aus dem Walt-Disney-Film „Ein toller Käfer“ 1968, Rekonstruktion mit Originalteilen.

 

Personen mit Geschichte

Durch Geschichten der Geschichte eine emotionale Brücke in die Gegenwart bauen, für eine Zeitreise in die Vergangenheit. Ganz bewusst setzt das Museum sowohl auf bekannte, weniger bekannte wie auch unbekannte Personen der Automobilgeschichte. Diese Geschichten machen den besonderen Reiz des Museums aus. Anhand beeindruckender Exponate aus persönlichen Nachlässen, Briefwechseln, Berichten, Auszeichnungen und unzähligen Fotografien wird akribisch recherchierte Geschichte erlebbar gemacht. Fazinierende Geschichten von Konstrukteuren, und Rennfahrern wie Wolfgang Graf Berghe von Trips oder Otto Mathé, von Technikern und Werbegrafikern wie H. W. Gebauer und Ernst von Demar und von Testfahren, Fotografen oder Journalisten können die Museumsbesucher entdecken.

Kraft und Wagen

Die Kraft findet Ausdruck in der Vermittlung von Automobiltechnik, mittels ausgestellter Motoren und dem gewählten Fokus auf den Motorsport. Wobei wir gleich auch bei den Hauptdarstellern, den Wagen, angekommen wären, anhand derer Automobilgeschichte im Nachkriegsdeutschland erzählt wird. In den weiß und modern gestalteten Räumen der Dauerausstellung präsentieren sich dem Besucher vornehmlich seltene Sport- und Rennwagen der 40er bis 60er Jahre, ergänzt um moderne Exponate wie einem BMW Sauber F1.07 Bj. 2007, mit dem Sebastian Vettel sein erstes Formel-1-Rennen fuhr. Hier kommt eine weitere Bedeutung des Begriffs Prototyp zu Vorschein. Der Prototyp, ein Rennwagen, einzig für den Motorsport konstruiert. Und gleichwohl sich das Museum keiner bestimmten Automarke verschrieben hat, zieht sich die Vorliebe der Museumsgründer wie ein roter Faden durch die Ausstellung: Porsche.

 

Käfermotor Schnittmodell

Schnittmodell eines Käfermotors.

 

Ur-Porsche, Fetzenflieger und weitere Schätze

Ein Glanzstück der Sammlung ist die originalgetreue Rekonstruktion des ersten Porsches überhaupt, des Ur-Porsche Typ 64 von 1939, der sogenannte „Berlin-Rom-Wagen“. Einem Zufallsfund ist diese abenteuerliche Auferstehung eines automobilen Mythos zu verdanken (J.-H. Musche, Porsche Fahrer 01/2016), mit dem die Museumsmacher selbst ein kleines Stück Automobilgeschichte geschrieben haben.

 

Rekonstruierter Porsche Typ 64 „Berlin-Rom-Wagen“ Bj. 1939

 

Von diesem Rennwagen hatte nur eines von drei gebauten Exemplaren überlebt. 1995 erwarben König und Schmidt einen Teil des Nachlasses der Rennfahrerlegende Otto Mathé. Darunter sein Rennwageneigenbau „Fetzenflieger“ von 1952, mit dem Mathé dreimal österreichischer Staatsmeister wurde. Bei einer Revision fand sich in diesem Fahrzeug das originale Getriebe des zweiten Typ 64 verbaut. Eine Suche im erworbenen Mathé-Fundus förderte weitere Einzelteile zutage, die Grundlage dieser beeindruckenden Rekonstruktion, die sich über 10 Jahre hinzog. Der Typ 64 bildet den Übergang vom Käfer zum Porsche. Je nach Blickwinkel erkennt man seine Käfer-Gene, sieht aber deutlich schon das Design des späteren Porsche 356. Beim Betrachten offenbart sich unmittelbar, dass die zeitlose Porsche-Form einst allein aus der Funktion heraus entwickelt wurde.

 

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© Automuseum Prototyp

 

Weitere Schätze der Sammlung sind, um nur einige zu nennen, ein Cisitalia D 46, ein Porsche 356 Gläser Cabriolet, ein Porsche 718 RS 60 und Porsche 904 Carrera GTS Bj. 1964, ein 1951er VW-Papler Käfer-Cabrio der Polizei oder ein Polensky Monopoletta Formel 3 Rennwagen von 1950. Alle Fahrzeuge wurden behutsam restauriert. Einige kommen regelmäßig auch bei Oldtimer-Rallys zum Einsatz. Hin und wieder werden die Exponate ausgewechselt. Die 2500 m² Ausstellungsfläche reich bei weitem nicht aus, um die Sammlung der beiden Hamburger komplett zu zeigen. Zusätzlich befindet sich im Untergeschoss noch ein Schau-Depot.

 

 

Eines der schönsten Exponate des Museums ist wohl das „Klopfmodell“ des Auto Union Typ C von 1937. Der Typ C war seinerzeit der erfolgreichste deutsche Grand-Prix-Rennwagen und hat über 30 Weltrekorde aufgestellt. An dem hölzernen Modell wurden die 0,6 bis 0,8 mm starken Karosseriebleche aus Aluminium von Hand in Form geklopft. Deutlich zeigt es die Spuren der Karosseriearbeiten und macht Rennsportgeschichte zum Greifen nah.

 

Klopfmodell Auto Union Typ C

„Klopfmodell“ Auto Union Typ C 1937

Ein Museum mit Konzept

Die Begegnung mit den Fahrzeugen ist unmittelbar, keine Absperrung stellt sich in den Weg. Zum Anfassen sind sie freilich nicht, „nur mit den Augen“ wie es so schön heißt. Ein weiteres Ausstellungskonzept, dem sich die Museumsmacher verschrieben haben, ist das Ansprechen der „Sinne“. Etwa mit der Audio-Box, in der die Motoren legendärer Rennwagen arkustisch erfahrbar sind. Ein kleines Kino zeigt filmische Dokumente und eine interaktive Bibliothek lädt an Bildschirmen zur weiteren Recherche ein. An einem Porsche 356-Fahrsimulator kann man sich als Rennfahrer probieren und im Miniatur-Windkanal die Aerodynamik von Karosseriemodellen testen. Einmalig ist die gläserne Werkstatt, in der Besucher den Restauratoren über die Schulter schauen können. Doch leider ergibt sich nur selten die Gelegenheit.

 

Brettspiele zum Thema Autorennen

Alte Brettspiele zum Thema Autorennen

Sonderausstellungen

Zudem hat sich das Museum seit seiner Eröffnung einen Namen mit beeindruckenden Sonderausstellungen gemacht, wie zuletzt mit „356 VIP – Very important Porsches“ über die Geschichte des Porsches 356. 2014 beleuchtete das Museum mit der Ausstellung „Gemeinsam Gegeneinander“ den Automobilrennsport in BRD und DDR zwischen Kriegsende und Mauerbau und widmete sich 2012 mit „Wirtschaftswunderwagen“ der Automobilität der 50er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland. Bereits angekündigt für den 11. November 2016 ist die neue Sonderausstellung „BMW Art Cars“. BMW sorgt mit Kunst am Rennwagen immer wieder für Aufsehen in Le Mans und in Museen weltweit. Die Fahrzeuge wurden gestaltet von Künstlern wie Andy Warhol (BMW M1, 1979), Roy Lichtenstein (BMW 320 Gruppe 5, 1977) oder Jeff Koons (BMW M3 GT2, 2010). In der Ausstellung werden neun Fahrzeuge aus den Jahren 1975 bis 2010 zu sehen sein.

Wie bei einem echten Prototyp scheint das Museum noch lange nicht am Ziel angekommen. Das privat finanzierte Automuseum soll beständig weiterentwickelt werden und wird in Zukunft wohl noch für manche Überraschung gut sein. Die vollgepackte Dauerausstellung und die spannenden Sonderausstellungen laden ohnehin zum mehrmaligen Besuch ein.

 

museum_prototyp

 

Automuseum Prototyp, Shanghaiallee 7, 20457 Hamburg. www.prototyp-hamburg.de. Tel.040/39996970. Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10 bis 18 Uhr. Eintrittspreise: 8,50 Euro, erm. 3,50 Euro, Familienkarte (2 Erw. plus max. 3 Kinder) 18,00 Euro, Gruppen (ab 15 Personen) 7,00 Euro pro Person. Das Museums-Café „Erlkönig“ bietet in entspannter Atmosphäre alles für einen persönlichen Boxenstopp.

 

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Written by Chromzeugen