Deutschland in der frühen Nachkriegszeit, die Wirtschaft prosperierte dank Marshallplan und Ludwig Ehrhardt. Steigende Löhne nährten rasch den Wunsch nach Automobilität und diese schien für Jedermann in greifbare Nähe zu rücken.

Die 1951 aus dem Zusammenschluss der Automobilzeitschrift „Das Auto“ (erste Ausgabe am 1. Dezember 1946, Motor-Presse Verlag,) mit „Motor und Sport“ (seit 1924, Vogel Verlag Würzburg) entstandene Zeitschrift „ Das Auto, Motor und Sport“ richtete sich genau an diese Sehnsucht nach Mobilität. Die ästhetischen Fotografien der Titelseiten jener Jahre erscheinen auch heute noch äußerst kunstvoll. Kennzeichend waren ganzseitige Abbildungen. Text war auf das Notwendigste reduziert. Der verwendete 2-Farbdruck (schwarz/rot) und die für viele Ausgaben verwendeten Deitailaufnahmen erzeugten einen hohen Grad der Abstrahierung und betonten so den Objekt- und Skulpturcharakter der Automobile.

Kennzeichnend für die Titelseiten war also nicht die nüchterne Darstellung spezifischer Automobile, wie in späteren Jahren, sondern vor allem die Ästhetisierung der Automobilität durch die Hervorhebung von Formen, Linien und Dynamik. Das Automobil als Symbol für Leichtigkeit, Fortbewegung und Fortschritt. Die Verkündung des Aufbruchs in eine verheißungsvolle und automobile Zukunft. Nicht zuletzt auch um der dunklen Vergangenheit der 30er und 40er Jahre zu entfliehen. Diese Fotografie zeigte deutliche Anleihen aus der Mode- und Archiketurfotografie.

Der Fotograf vieler Titelseiten war  Julius Weitmann (1908-1980). Erst spät fand er zur Fotografie, nachdem er zufällig eine Mittelformatkamera im Hinterhof eines Stuttgarter Fotografen entdeckte. Als Sachbearbeiter beim Evangelischen Hilfswerk Stuttgart reiste er zunächst für Reportagen um die halbe Welt. Nebenbei versuchte er sich bereits als Text- und Bildkorrespondent bei den Illustrierten „Revue“ und „Quick“ und machte sich schnell einen Namen mit Fotografien von Autorennen. Dynamik und künstlerische Darstellungen waren sein Markenzeichen. Der Ex-Rennfahrer Paul Ernst Strähle bezeichnete Weitmann einmal als „Rembrandt unter den Fotografen“.

Neben Weitmann war auch Heinz-Ulrich Wieselmann (1930-1970) Urheber vieler Titelfotos der „Auto, Motor und Sport“. Von 1950 bis 1970 war er gleichfalls deren Chefredakteur. Das Hamburger Automuseum Prototyp verwaltet seinen fotografischen Nachlass und zeigte 2009 seine Fotografien erstmals in einer Sonderausstellung.

Die Titelfotos von „Auto, Motor und Sport“ spiegelten die Beziehung der Menschen zum Auto in den 50er-Jahren. Der französische Philosoph Roland Barthes brachte diese beinahe heilige Verehrung 1957 auf den Punkt: „ Ich glaube, dass das Automobil heute die ziemlich genaue Entsprechung der großen gotischen Kathedralen ist. Soll heißen: eine große epochale Schöpfung, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern entworfen wurde und von deren Bild, wenn nicht von deren Gebrauch ein ganzes Volk zehrt, das sie sich als ein vollkommen magisches Objekt aneignet (Roland Barthes aus Mythen des Alltags).

Foto: Julius Weitmann

In den 60er Jahren entfernte sich die Zeitschrift zusehends von dieser scheinbar in die Jahre gekommenen Bildsprache, hin zu einer sachlichen, nüchternen und trivialeren Darstellung von Automobilität. Die ganzseitigen Fotografien wurden nun häufiger abgelöst von Collagen kleinformatiger Abbildungen. Noch heute ist „Auto, Motor und Sport“ die größte Automobilzeitschrift in Deutschland. Ihre poetische Automobilfotografie ist indes Vergangenheit.

 

  • Alte Ausgaben von „Auto, Motor und Sport“ lassen sich gut über die Auktionsplattform eBay erwerben.
  • Sämtliche Ausgaben von „Auto, Motor und Sport“ können auch beim AMS-Antiquariat bestellt werden. Die Preise liegen jedoch auf einem höheren Niveau als bei Internetauktionen. Ein Besuch lohnt sich allemal, da die Ansicht der beeindruckenden Titelseiten vergangener Jahre gratis ist.
  • Kunstabzüge einiger Fotografien Julius Weitmanns können bei „Auto, Motor und Sport“ über die Seite Art Archive Motorsport erworben werden.
  • Roland Barthes (2012) Mythen des Alltags, 3. Auflage, Suhrkamp Verlag, 325 Seiten.
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Written by Chromzeugen