Fiat 500 L und Giardiniera

Fiat 500 L und 500 Giardiniera. Foto: M. Winninghoff

Am Anfang stand die Idee, ein kleines Auto zu bauen, das vier Räder hat und nicht mehr als 500.000 Lire (etwa 3.300 DM) kostet. So klein dieses Auto auch sein mochte, es wäre stets bequemer als ein Motorroller; besonders im Winter und an Regentagen. Diese Idee entwickelte der Fiat-Chefdesigner Dante Giacosa (1905-1996), als im Italien der 50er Jahre noch nicht das Auto prägend für den einsetzenden Motorisierungsboom war, sondern Motorroller wie Vespa und Lambretta. Der Boom sorgte bei Fiat dafür, dass mit großem Engagement erschwingliche Kleinwagen entwickelt wurden, zunächst 1955 der Fiat 600 und schließlich 1957 der Fiat 500 Nuova. Fiat 600 und 500 waren Geniestreiche von Giacosa, gleichbedeutend für die Automobilisierung Italiens, wie der VW Käfer in Deutschland, der Citroen 2CV in Frankreich oder der Mini in England.

Wie kaum ein zweites italienisches Auto ist vor allem der Fiat 500 (Bauzeit 1957-1975) zu einem weltweiten Synonym für italienisches Lebensgefühl und Automobildesign geworden. Und obwohl dieses winzige Etwas von einem Auto, von dem in knapp 20 Jahren fast 3,9 Millionen Exemplare produziert wurden, seit 40 Jahren nicht mehr in den Verkaufsräumen steht, ist es immer noch präsent auf den Straßen Italiens. Nicht zuletzt stand dieses Auto Pate für den aktuellen Fiat 500 (seit 2006) und hat „posthum“ den Fiat-Konzern vor einem drohenden Niedergang gerettet. Ein Auto, das wie kein anderes mit der Geschichte Fiats verbunden ist.

Entwicklungsgeschichte

Bereits Anfang der 50er Jahre wurde in Turin an einem Nachfolger für den alten Fiat 500 „Topolino“ gearbeitet. 1953 erhielt man in Turin den Entwurf für einen Kleinwagen von Hans Peter Bauhof, einem Techniker im Fiat-eigenen NSU-Werk Heilbronn. Der Vorschlag für einen Kleinwagen mit Einzylinder-Zweitaktmotor stieß allerdings auf wenig Gegenliebe. Einzig die vorgeschlagene Karosserie fand bei Fiat großes Interesse. Viele Details von Bauhofs Entwurf werden sich später auch in Dante Giacosas Konzepte für den Fiat 600 und 500 wiederfinden.

Giacosa kommt 1954 zu dem Entschluss, „dass der Motor ein luftgekühlter Viertakter mit zwei Zylindern in Reihe, der einfachste und wirtschaftlichste Motor, sein musste. Er kann quer eingebaut werden, ist unkompliziert und hat einen hohen mechanischen Wirkungsgrad“. Die Entwicklung übernimmt der Ingenieur Giovanni Torrazza.

Danach macht Giacosa sich an den Entwurf der Karosserie. Wichtig war Giacosa, „ dem Fahrzeug eine gefällige Form zu verleihen, ihm eine möglichst leichte aber robuste Struktur, eine einfache aber wirtschaftliche Bauweise zu geben“. Viele Gipsmodelle werden angefertigt, um sich in immer neuen Entwürfen der bestmöglichen Form zu nähern. „Ich versuchte, die Blechfläche so gering wie möglich zu halten, um Gewicht und Kosten zu sparen“. Durch die Beschränkung auf das Wesentliche entsteht schließlich eine äußerst innovative Karosserie mit Platz für vier Personen bei minimalen äußeren Abmessungen (Länge 2,97 m, Breite 1,32 m, Höhe, 1,33 m, Gewicht vollgetankt 470 kg, zulässiges Gesamtgewicht 750 kg). Mit der einfachen und funktionellen Linienführung der Karosserie schafft Giacosa eine unverwechselbare und zeitlose Automobilskulptur, für die er 1959 die wertvolle Auszeichnung für Industriedesign „Compasso d’Oro“ erhält. „Der Fünfhundert verkörpert das kleinste noch ernstzunehmende Fortbewegungsmittel, das die Bezeichnung Auto verdient“, schrieb Auto, Motor und Sport noch 1968. Vor allem in der Stadt spielt der Fiat seine Vorteile gegenüber größeren Automobilen aus. Er ist klein und wendig, passt in fast jede noch so kleine Parklücke und ist günstig im Unterhalt.

Fiat 600 und 500 legten den Grundstein für ein rasantes Wachstum bei Fiat. Seit deren Markteinführung stieg die Produktion bei Fiat von 108.700 Exemplaren im Jahr 1950, auf 513.300 Einheiten 1960 und 994.000 im Jahr 1965. Gleichsam entwickelt sich auch die Motorisierungsrate in Italien von 6 Fahrzeugen je 1.000 Einwohner im Jahr 1950 auf 32 Fahrzeuge 1960 und auf 167 Fahrzeuge 1970.

Bis 1977 werden unzählige Modellversionen und Lizenzbauten des Fiat 500 produziert. Auch kleinere Karosseriebaufirmen fertigen teilweise exotische Karosserien an, wie beispielsweise den Fiat 500 Jolly von Ghia.

Die wichtigsten Modelle im Überblick

Der Fiat 500 N (Nuova) von 1957 – 1959

Über 181.000 Exemplare (einschließlich der „Economica“-Weiterentwicklungen „Normale“ und „Sport“), Einführungspreis: 465.000 Lire

Fiat-500-N

Der 500 N hat zunächst zwei Sitzplätze im Fond und eine mit Teppich ausgekleidete Rückbank und ist äußerst spartanisch ausgestattet. Das Fahrzeug bietet nur Platz für zwei Personen und 70 kg Gepäck.

Charakteristisch für die erste Version ist das lange Faltdach, das sich bis zur hinteren Motorhaube öffnen lässt und Folge der Minimierung von Produktionskosten ist.

Im Heck verbaut ist der neu entwickelte luftgekühlte Zweizylinder-Reihenmotor mit 479 ccm Hubraum und einer Leistung von 13 PS. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 85 km/h, der durchschnittliche Verbrauch liegt bei 4,5 L/100 km.

Zu den wesentlichen Besonderheiten der ersten Modellreihe gehören die in hellem Beige lackierten Räder aus gepresstem Metall. Auf Blinker an der Front verzichtete man bei Fiat. Anstatt dieser erhält das Fahrzeug große Blinker seitlich an den Kotflügeln. Die sogenannten „Selbstmördertüren“ sind an der B-Säule angeschlagen und können im ungünstigen Fall durch den Fahrtwind oder bei Unfällen aufspringen.

Die Ausstattung ist auf das absolute Mindestmaß beschränkt. Beispielsweise haben Scheibenwischer und Blinker noch keine automatische Rückstellung und die Seitenfenster lassen sich nicht herunterkurbeln. Aufgrund der spartanischen Ausstattung und Motorleistung ist die erste Version des 500 ein Flop. Nur drei Monate später präsentiert Fiat zwei modifizierte Modelle unter den Namen „500 Normale“ und „500 Economica“. Beide Varianten bieten nun eine bessere Ausstattung, Platz für vier Personen dank einer „echten“ Sitzbank und verfügen über eine etwas kräftigere Motorisierung.

500 Giardiniera „Gärtnerin“ (1960 – 1977)

458.000 Exemplare, Einführungspreis: 565.000 Lire

Gaertnerin

Im Mai 1960 wird die Kombiversion des 500 präsentiert. Der Motor bekommt 499,5 ccm Hubraum, leistet 17,5 PS und hat einen Verbrauch von 5,2 L/100 km. Um eine Ladeebene ohne Überhänge zu erhalten und den Motor weiterhin im Heck unterzubringen, wird er um 90° gedreht und als Unterflurmotor verbaut. Der Achsstand wächst um zehn Zentimeter, womit es dieses Modell auf eine Länge von 3,18 m bringt. Leer wiegt das Fahrzeug 555 kg, voll beladen 875 kg.

Die „Gärtnerin“ ist für vier Personen und 40 kg Gepäck zugelassen. Die Rücksitzlehne kann zudem umgelegt und so die Transportkapazität vergrößert werden. Nur mit dem Fahrer an Bord kann der 500 Giardiniera bis zu 200 Kilogramm Gepäck befördern.

Der Kombi besitzt nun auch Blinker im Frontblech. Die beiden Vordertüren sind noch immer an der B-Säule angeschlagen und bleiben es auch bis zum Produktionsende 1977. Der Kombi „überlebt“ letzlich die Limousine um zwei Produktionsjahre. Zusätzlich erhält die Gärtnerin eine große Tür im Heck, die sich zur Seite öffnen lässt. Für die hinteren Plätze stehen Schiebefenster zur Verfügung.

Der Fiat 500 D von 1959 – 1965

642.000 Exemplare, Einführungspreis: 450.000 Lire

Fiat-500-D

Im Herbst 1960 stellt Fiat den 500 D vor. Die Leistung des 499,5 ccm Motors beträgt ebenfalls 17,5 PS und ermöglicht eine Höchstgeschwindigkeit von 95 km/h. Der Verbrauch liegt bei durchschnittlich 4,8 L/100 km. Das Fahrzeug ist für vier Personen plus 40 kg Gepäck zugelassen. Das Leergewicht steigt auf 500 kg, zulässiges Gesamtgewicht ist 820 kg.

Auch beim D bleiben die Türen noch an der B-Säule angeschlagen. Die neue Front und die Rückleuchten werden vom Kombi übernommen. Das Faltdach lässt sich jetzt nur noch bis zur Mitte des Innenraumes öffnen, ist jetzt aber robuster und leichter zu öffnen. Das hintere Blechdach ist nur angeschraubt. Mit wenig kann Aufwand der 500 D auf das lange Verdeck des 500 N umgebaut werden.

Der Fiat 500 F von 1965 – 1972

2.272.000 Exemplare (einschließlich Fiat 500 L) Einführungspreis: 475.000 Lire

Im März 1965 beginnt der Verkauf des 500 F. Für diesen Modellwechsel wird die Karosserie nahezu komplett überarbeitet. Die Türen sind nun vorn an der A-Säule angeschlagen, was sich bei einem Unfall als sicherer erweist. Die Windschutzscheibe wird größer und das beim Modell D noch aufgeschraubte Dach wird jetzt zu einem festen Blechdach.

Der Motor, der nach wie vor einen Hubraum von 499,5 ccm hat, leistet jetzt 18 PS. Die Höchstgeschwindigkeit bleibt jedoch unverändert bei 95 km/h. Der Verbrauch steigt auf 5,5 L/100 km an. Auch im Gewicht legt der F zu, wiegt leer 520 kg und mit voller Zuladung 840 kg.

Der Fiat 500 L (Luxus) von 1967 – 1972

2.272.000 Exemplare (einschließlich Fiat 500 F), Einführungspreis: 525.000 Lire

Fiat-500-Gruppenbild

Mit dem 500 L wollte Fiat den Käufern ab 1967 ein üppiger ausgestattetes und moderneres Auto anbieten. Technisch ist er identisch mit dem F, die Neuerungen bestehen in einer überarbeiteten Innen- und Außenoptik. Das Modell erhält verchromte Stoßstangenbügel an Front und Heck und wird dadurch geringfügig länger. Zusätzlichen Chromzierrat erhält der L an Dachrinne, Windschutzscheibe und Heckscheibe sowie eine Chromleiste an den Schwellern unter den Türen.

Besonders auffällig sind die Neuerungen im Innenraum. So verändert sich zum Beispiel das Design des Lenkrades. Der Armaturenträger erhält jetzt einen modernen Breitbandtacho, übernommen vom Fiat 850, und das Armaturenbrett wird im Stil der Zeit mit schwarzem Kunststoff in Lederoptik verkleidet. Die Sitze erhalten verstellbare Rückenlehnen und die Polster sind mit senkrecht gestepptem Kunstleder bezogen, das in Rot, Beige und Schwarz angeboten wird. Die Lehne der Rückbank kann umgelegt werden und bietet bei Bedarf eine stabile Gepäckablage. Der Innenraum ist mit Veloursteppich ausgelegt, wo es bisher nur einfache Gummimatten gab. Zusätzlich gibt es Kartentaschen an den Türen.

Fiat-500-L-Innenraum

Durch diese Modifizierungen steigt das Leergewicht des L auf 530 kg. Die Modelle F und L erweisen sich als Verkaufsschlager und sind die am meisten gebauten Versionen des Fiat 500.

Der Fiat 500 R von 1972 – 1975

Über 340.000 Exemplare, Einführungspreis: 600.000 Lire.

500-R-am-Strassenrand

Zeitgleich mit dem „Nachfolger“ Fiat 126 wird im Herbst 1972 die letzte Evolutionsstufe Fiat 500 R vorgestellt, die bis zum Sommer 1975 produziert wird.

Das „R“ steht für „Rinnovata“, was so viel wie „erneuert“ bedeutet. Der nun 594 ccm große Motor des Fiat 126 sorgt im „R“ für Vorschub. Die potentielle Leistung von 23 PS wird allerdings mit einem kleineren Vergaser auf 18 PS gedrosselt, sodass die Höchstgeschwindigkeit unverändert bleibt. Die neuen Felgen für eine breitere Bereifung tragen nun keine Radkappen mehr. Auch die Inneneinrichtung fällt bescheidener aus als bei den Vorgängermodellen F und L. Das Interieur wird ausnahmslos und komplett in schwarzer Farbe angeboten.

Fiat 500 fahren

Fiat-500-im-Dienst

Der Fiat 500 erweist sich als dankbares Einstiegsauto in die Oldtimerwelt. Dank der großen Produktionszahlen und den immer noch geringen Unterhaltskosten, haben viele Autos bis heute überlebt. Das Angebot an gebrauchten Exemplaren ist auch in Deutschland gut. Und dank einer großen Fangemeinde in Italien, den Niederlanden und in Deutschland existiert ein gutes Netz von Ersatzteilhändlern.

Die Technik ist einfach und leicht verständlich. Mit ein wenig Übung lassen sich auch von Einsteigern viele Arbeiten in Eigenregie durchführen. Trotz stetig steigender Preise sind Autos noch relativ günstig zu bekommen, besonders die späteren Modelle bieten sich hier an. Die Modelle N, D und Giardiniera sind selten und entsprechend teurer und Ersatzteile schwieriger zu bekommen.

Für die übrigen Modelle sind nahezu alle Ersatzteile einfach und günstig erhältlich. Nicht alles ist jedoch von guter Qualität. Die Wiederverwendung von Originalteilen ist hier oft die bessere Entscheidung. Oberste Direktive ist: Nichts wegwerfen, was nicht kaputt ist oder sich noch aufarbeiten lässt.

Wichtigstes Kaufkriterium ist der Zustand der Karosserie, da Schweiß- und Lackierarbeiten schnell das Budget in die Höhe treiben. Beim Karosseriecheck ist ein wachsames Auge zu werfen auf Durchrostungen im Kofferraum, am Frontblech und dem Batteriekasten, am vorderen Fensterrahmen, an den Türunterkanten, den Bodenblechen (Gummimatten oder Teppichboden unbedingt herausnehmen), Schwellerblechen und Radläufen. Wichtig ist auch, auf eventuelle Unfallschäden zu achten (Spaltmaße und „Knicke“ oder „Wellen“ im Blech). Nicht wenige Autos wurden und werden immer noch gerne mit viel Spachtelmasse wieder in Form gebracht.

Wer auf der Suche nach einem geeigneten Exemplar ist, findet Angebote vor allem in den bekannten Gebrauchtwagenportalen und auf Auktionsseiten im Internet. Auch im sehr empfehlenswerten „Fiat 500 Forum“ bieten immer wieder Mitglieder Autos an. Mit ein wenig Geduld bekommt man hier gute und ehrliche Exemplare, die jedoch kaum unter Marktwert verkauft werden.

Unter Umständen kann sich auch eine Fahrt nach Italien lohnen. Interessant sind die großen Oldtimermessen in Padua „Auto e Moto d`Epoca“ und Mailand „La Mostra-Scambio di Auto, Moto e Ciclo d’Epoca„. Im Allgemeinen ist das Preisniveau im Heimatland des kleinen Fiat nicht günstiger als in Deutschland. Auch in den Niederlanden stehen häufig Autos zum Verkauf.

Literaturempfehlung

  • Malcom Bobbit (2008) Praxisratgeber Klassikerkauf: Fiat 500 & 600. Limousine, Multipla, Giardiniera & 126, 1955-1992, Heel-Verlag, 64 Seiten, 9,95 Euro.
  • Elmar Scherer (2012) Fiat 500: 1936 bis heute, Komet Verlag 128 Seiten, 6,99 Euro.
  • Dieter Korp (1969) Fiat 500, Jetzt helfe ich mir selbst, Motorbuch Verlag, 240 Seiten, 29,90 Euro.

Hilfreiche Links

  • http://www.500er-fiat.de „Die Seite für den Fahrer des klassischen Fiat 500“, mit vielen Informationen, schönen Fotos, Downloads von Handbüchern, Schaltplänen, einer Marktpreisübersicht und weiteren hilfreichen Links.
  • www.500forum.de „Die freundliche Seite für den klassischen Fiat 500“. Die zentrale deutschsprachige Anlaufstelle im Internet. Hier tummeln sich viele 500er-Fahrer, die teilweise ihre Autos selbst restauriert haben und gerne weiterhelfen.
  • http://www.500clubitalia.it Über diesen Link gelangt man zum größten Fiat 500 Club in Italien. Der Club veranstaltet jährlich im Sommer ein Treffen in Garlenda, zu dem Fans aus ganz Europa mit ihren Autos anreisen.

Ersatzteilhändler

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Written by Chromzeugen

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