Oldtimerparade

Restauriert und patiniert (vorne DKW 4=8, hinten Hanomag 1,3)

Ist ein altes Automobil nur ein antiquiertes Fortbewegungsmittel und bloße Liebhaberei? Oder ist es ein schutzwürdiges Kulturgut, auf einer Stufe mit anerkannten Baudenkmälern und Kulturgütern, wie sie in der UNECO-Charta von Venedig für Kulturdenkmäler (Kunst und Gebäude) definiert werden?

Die kulturhistorische Bedeutung alter Automobile und die sich daraus ergebenen Fragen der Originalität  und zum Vorgehen bei Restaurationen, Wartung und Pflege, hat vor ein paar Jahren der Oldtimer-Weltverband FIVA (Fédération Internationale des Véhicules Anciens) zu definieren versucht. Die Ergebnisse wurden als Charta von Turin am 29. Februar 2013 im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart präsentiert. Oberstes Ziel der Charta ist, „die Fahrzeuggeschichte gemeinsam mit dem zugehörigen Design, der entsprechenden Technik und Funktion sowie ihrer dokumentierten Historie zu erhalten, ebenso wie die Erkenntnisse über ihre vielfältigen Einflüsse auf die Gesellschaft und ihr Umfeld“. Die FIVA trieb dabei auch die Befürchtung an, dass durch neue Bestimmungen für Umweltschutz und Verkehrssicherheit Oldtimer irgendwann nicht mehr im Straßenverkehr bewegt werden dürfen, was zur Erhaltung ihrer Fahrtauglichkeit jedoch notwendig ist. Gesetzesänderungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass diese Befürchtungen nicht unbegründet sind. Die Erhebung in den Status „schutzwürdiger Kulturgüter“ könnte dieses Schicksal verhindern.

Kontroversen in der Oldtimerszene

Der Vorstoß der FIVA schien daher angebracht. Doch hat die Charta von Turin eine hitzig geführte Diskussion in der Oldtimerszene ausgelöst. Der Großteil der privaten und professionellen Restaurierer hatte bisher sein Können darauf verwendet, den Auslieferungszustand von Oldtimern wiederherzustellen, bestenfalls ihn sogar zu übertreffen. In ihrer exotischsten Form betreiben dies Restaurierer in den USA, allen voran Dave Walden aus Missouri USA. Sie setzen alles daran, den „unbenutzten“ Neuzustand zu erzielen, in dem die Automobile einst vom Fließband rollten (Oldtimer Markt 01/2012). Das beginnt bei den möglichst originalgetreuen Farbmarkierungen an der Karosserie, die während der Produktion zur Qualitätskontrolle angebracht wurden, reicht über die Rekonstruktion von produktionsbedingten Qualitätsmängeln und hört beim eigens entwickelten Parfüm für den originalgetreuen Neuwagenduft noch lange nicht auf. Natürlich dürfen diese Autos anschließend nicht mehr gefahren werden, sonst wäre der mühsam reproduzierte Neuzustand wieder dahin.

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Auto Union DKW 4=8, links restauriert, rechts unrestauriert

Die Geschichte erhalten

Die Charta von Turin verfolgt hingegen einen akademisch-wissenschaftlichen Ansatz, der die Konservierung der originalen Substanz und der Spuren der Zeit herausstellt.  Ein Ansatz, der sich bei der Restauration von einmaligen Kulturgütern und Baudenkmälern längst durchgesetzt hat. Sie unterscheidet vier Verfahren mit zunehmenden Eingriff in die Substanz der Automobile:

  1. Erhaltung (Pflege und Schutz vor Beschädigung und Verfall),
  2. Konservierung (Eingriffe, die das Fahrzeug oder Objekt sichern und seiner Stabilisierung dienen, ohne den Bestand zu verändern),
  3. Restaurierung (Maßnahmen zur Ergänzung von fehlenden Teilen oder Bereichen mit dem Ziel, einen früheren Zustand des Objektes wieder ablesbar zu machen) und
  4. Reparatur (die Anpassung, Instandsetzung oder den Ersatz von vorhandenen oder fehlenden Bauteilen).

Ein „Besser-als-neu-Zustand“ ist ausdrücklich nicht erwünscht. Haben Oldtimerbesitzer also bisher alles falsch gemacht? Schließlich ist es Ihnen zu verdanken, dass unzählige der heutigen Oldtimer nicht auf dem Schrott gelandet sind, als sich kaum jemand dafür interessierte. Auf sie wirkt die Charta wie ein überzogener museal-angestaubter Ansatz, der ihren eigenen Interessen entgegensteht. Jedoch handelt es sich bei der Charta von Turin nicht um ein Gesetz, sondern um einen Leitfaden, dem niemand verpflichtet ist. Also alles nur heiße Luft?

Man würde es sich zu einfach machen, die Charta der FIVA einfach zu ignorieren. Sie hat den Anspruch, dem Restaurierer eine Orientierung und Denkanstöße zu bieten. Will sensibilisieren für das Thema der Restaurierung von historischer und originaler Substanz. Die FIVA setzt sich darin für einen Ansatz der behutsamen Wartung und Pflege ein, der den Verfall stoppt. Eine Erneuerung und Restaurierung soll bestenfalls nur vorgenommen werden, wenn dies unumgänglich ist. Für den Fall einer Restaurierung schlägt die FIVA folgenden Ansatz vor. „Eine Restaurierung (…) sollte nach sorgfältiger Prüfung historischer Aufzeichnungen und Dokumente sowie nach sorgfältiger Planung ausgeführt werden. Bauteile und Materialien, welche durch neue ersetzt wurden, sollten durch einfache und dauerhafte Markierungen leicht erkennbar gemacht und von der historischen Substanz unterschieden werden“. Weiterhin sollten „bei der Restaurierung historischer Fahrzeuge (…) bevorzugt die historisch korrekten Materialien und Arbeitstechniken benutzt werden“. Zudem wird empfohlen, „alle vorgeschriebenen Veränderungen, die außerhalb der normalen Gebrauchszeit notwendig werden, sollen sich unauffällig in die originale Struktur und Erscheinungen einfügen“. Sie sollen möglichst reversibel ausgeführt werden, ausgebaute Originalteile für eine mögliche Wiederverwendung oder als Referenz für die ursprüngliche Substanz und Machart aufbewahrt werden.

Um auch die individuelle Geschichte eines Automobils zu erhalten, schreibt die FIVA im Artikel 6 der Charta: „Veränderungen (…) eines historischen Fahrzeuges gegenüber dem Auslieferungszustand sind Zeugnisse der Fahrzeuggeschichte. Diese sollten daher erhalten bleiben. Die Restaurierung eines historischen Objektes erfordert darum nicht, sein Aussehen und seine technischen Merkmale ins Erscheinungsbild des ursprünglichen Baujahres zurückzuversetzen“.

Opel-Caravan

Mehr als 30 Jahre ohne Pflege, Opel Caravan mit TÜV

Noch fehlt ein Leitfaden zur Umsetzung der Charta

Tatsächlich haben die Verfasser die Charta sehr abstarkt und allgemein gehalten. Aus diesem Grund wurde von der FIVA ein Anwendungshandbuch angekündigt, das leider noch nicht vorliegt. Darin muss geklärt werden, wie die Charta in der Praxis umgesetzt werden soll, damit auch Restaurierer etwas mit ihr anfangen können. Darf man beispielsweise eine rostpickelige originale Stoßstange neu verchromen? Wann ist ein Originalteil nicht mehr erhaltenswert und darf ausgetauscht werden? Darf ich Veränderungen an einem Oldtimer vornehmen? Schließlich wird der eigene Einfluss auch bald zur Geschichte des Autos gehören, deren Spuren die FIVA ja eindeutig begrüßt. All diese Fragen zu beantworten bedarf es dringend eines umfassenden Leitfadens, in dem für jedes Problem konkrete Hinweise und Beispiele gegeben werden. Am entschiedesten verfolgt die Ziele der Charta wohl ein Berliner Professor für Fahrzeugtechnik. Seinem Opel Caravan Bj. 1956 untersagt er seit Beginn der 80er Jahre jegliche Pflege und führt nur die notwendigsten Maßnahmen durch, um den Wagen TÜV-tauglich zu erhalten.

Im Gegenstatz zur Charta von Turin ist die in der Allgemeinheit vorherrschende Vorstellung über das Ziel einer Restauration zweifelsohne eine andere. Der Glanz des Auslieferungszustands gilt immer noch als Ideal. Doch zeigen sich bereits Veränderungen in der Wertschätzung patinierter Autos. Auf Oldtimerauktionen gibt es inzwischen Beispiele dafür, dass Autos im Originalzustand höhere Preise erzielen als komplett restaurierte Exemplare in glänzendem Lack.

Borgward Hansa 1800

„Scheunenfund“ Borgward Hansa 1800

Fazit

Letzen Endes sind es die Besitzer von Oldtimern, die den Zustand ihrer Fahrzeuge immer noch selbst bestimmen. In den letzen Jahren hat sich zudem eine große Oldtimerszene entwickelt, die nicht zuletzt auch von ihrer Vielfältigkeit lebt. Sie umfasst sowohl Anhänger von Autos im Originalzustand als auch von Fahrzeugen, die extrem getunt und optisch verändert wurden. Es gibt Liebhaber sogenannter „Ratten“, Autos die technisch gepflegt sind, aber äußerlich den Eindruck erwecken, „mausetot“ zu sein. Auch gibt es die „Dave Waldens“, die ihre Autos in einen 100%igen Neuwagenzustand versetzen, um sie anschließend in die Garage zu stellen. Und es gibt jene Oldtimer, die stolz ihre Zeichen der Zeit tragen und von einem langen Autoleben erzählen.

Die Charta von Turin scheint vor allem von Bedeutung für die seltenen Modelle, von denen nur noch wenige Exemplare existieren. Bei Millionensellern wie Käfer und Co. kommt es auf ein originales Fahrzeug mehr oder weniger nicht an. Aber auch diese Autos werden zwangsläufig seltener werden. Der größte Nutzen dieser Charta ist wohl darin zu sehen, dass sie eine intensive Diskussion angeregt hat und für die Ziele und Ideen einer umsichtigen Restaurierung wirbt. Restaurierer und Besitzer alter Autos sollten sich bewusst machen, dass jede irreversible Veränderung ein kleines Stück Autogeschichte unwiederbringlich beseitigt.

Hier der gesamte Text der Charta von Turin (offizielle deutsche Version) als pdf-Download.

Fiat-514

Keine Charta sondern ein Auto aus Turin, Fiat 514 Sport

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Written by Chromzeugen