Reliant-Scimitar-GTE

Klassische Automobile faszinieren und verkörpern ein Lebensgefühl. Die rasante Zunahme von Oldtimerveranstaltungen und deren Besucherzahlen verdeutlichen dies eindrücklich. Bestaunt werden vor allem perfekt restaurierte Autos, herausgeputzt und poliert für den großen Auftritt. Doch es ist ein Fehler, sich nur mit den Sternchen der Szene zu befassen. Chromzeugen bricht eine Lanze für den Klassiker im Alltag.

Untrüglicher Gradmesser für die wachsende Begeisterung für Oldtimer ist der Bestand alter Fahrzeuge. Zum Jahreswechsel 2015 waren in Deutschland genau 310.694 Pkw mit H-Kennzeichen zugelassenen. Ein neuer Rekordwert mit einem Zuwachs von 11,3 Prozent binnen Jahresfrist, so der Verband der Autoindustrie.

Wider dem Garagengold

Die Finanzkrise und die in Folge chronisch schwindsüchtige Verzinsung von Sparguthaben haben ferner dazu beigetragen, dass Oldtimer allenthalben als verheißungsvolles Garagengold gehypt werden, was bei genauerem Hinsehen tatsächlich nur für hochpreisige Exemplare zutrifft. So kommt es, dass sich viele Oldtimer, intensiv-gepflegt und behütet, in Deutschlands Garagen die Reifen platt stehen und ihre Besitzer auf eine vermeintlich satte Rendite spekulieren. Im alltäglichen Straßenverkehr machen sich diese Fahrzeuge hingegen rar. Ihr Gebrauch beschränkt sich oftmals auf nur auf wenige Ausfahren im Jahr.

Dabei dienen Automobile doch in erster Linie der Fortbewegung. Und ist es nicht viel spannender, mit einem alten Auto auch zu fahren, anstatt nur eine Skulptur zu betrachten? Sicher, alte Automobile können Kunstwerke sein, doch wenn man sich mit ihnen beschleunigt, mutieren sie zu wahren Zeitmaschinen für eine Reise in die Vergangenheit.

 

 

Ein Hoch auf den Alltagsklassiker

Dass es abseits der polierten Oldtimerveranstaltungen eine weniger beachtete Mehrheit von „Alltagsklassikern“ gibt, lässt sich zum Beispiel im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg entdecken. Hier gilt vielen der im Alltag genutzte Klassiker, zumindest während der Sommermonate, als persönliches Statement. Und sei es auch nur, weil sich inzwischen eine in die Jahre gekommene Generation Golf ihre einstigen Kinderzimmer-Traumwagen im Maßstab 1:1 leisten kann.

Sicher, es handelt sich bei diesen Fahrzeugen oft nicht um hochpreisige und aufwendig restaurierte Oldtimer. Vielmehr sind es genau jene Brot-und-Butter-Autos, die einst die Mittelschicht mobilisierten. Sie sind eine Brücke zu den Erinnerungsfetzen unserer Vergangenheit. Als „kraftfahrzeugtechnisches Kulturgut“ profitieren sie per H-Kennzeichen von einer vergünstigten Besteuerung und freier Fahrt in den Umweltzonen. So scheint es nur folgerichtig, wenn alte Autos zum Ausgleich das heute ach so triste Straßenbild aus grauschwarzem Einerlei durch Ihre Gegenwart bereichern.

Eine Bestandsaufnahme

Eine gute Gelegenheit, diesen Alltagsklassikern zu begegnen, bietet sich an einem sonnigen Sonntagmorgen, wenn Old- und Youngtimer am Straßenrand auf den nächsten Einsatz warten, während ihre Besitzer sich noch einmal schlafend umdrehen oder vielleicht schon am Frühstückstisch vom Honigbrötchen abbeißen. Der hier bebilderte Spaziergang führt uns in die gründerzeitlichen Seitenstraßen zwischen Volkspark Friedrichshain und Schönhauser Allee, durch die Wohnquartiere Bötzow- und Winsviertel und Kollwitzkiez.

 

 

 

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Written by Chromzeugen